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Nikodemus Werk
"Pflegenoten" vom MDK - ein objektiver Qualitätsmaßstab?


Wiederholte Medienberichte über skandalöse Zustände in Heimen wie auch bei ambulant betreuten älteren Menschen haben die Öffentlichkeit immer wieder beunruhigt. Die für die Entwicklung einer "Pflegekultur" zuständige Bundesregierung hat im Jahr 2008 nach kontroverser Debatte beschlossen, die Qualität von ambulanten Diensten und Heimen nicht durch zusätzliches Personal zu verbessern, sondern durch jährliche unangemeldete Qualitätskontrollen des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) und die Einführung von sog. "Pflegenoten":
Aus dem mehr als 100 Seiten umfassenden Prüfkatalog des MDK wurden 82 Fragen in 4 Themenfeldern ausgewählt, die vom Prüfer jeweils mit der Schulnote 1 (Ja=sehr gut) oder 5 (Nein=mangelhaft) bewertet werden müssen (Zwischennoten sind nicht möglich). Aus den Einzelnoten wird über mehrere Zwischenschritte eine Durchschnittsnote ermittelt. Diese "Noten" werden im Internet veröffentlicht (z.B. www.pflegelotse.de) und in der Einrichtung ausgehängt.
22.000 Pflegeeinrichtungen bundesweit werden seit Juli 2009 folglich einmal jährlich unangemeldet von mehreren Prüfern nach standardisiertem schema untersucht, jede Prüfung kostet ca. 5.000 €, gute 110 Mio. € Aufwand jährlich plus einige zusätzliche für die neu entwickelte "elektronische Daten-Clearingstelle" - gut investierte Pflegekassenbeiträge zur Sicherung und Weiterentwicklung der Pflegequalität im Lande?
Es sind Zweifel angebracht:
Welche Art von Qualität prüft der MDK? Es wird suggeriert, als gäbe es so etwas wie eine "objektive" Pflegequalität. Um jeglichen Anschein von subjektiv gefärbter Beurteilung durch die Person des Prüfers zu vermeiden, sind die Themen und Fragen so ausgewählt, dass die Beobachtung von konkreten pflegerischen Situationen keinerlei Rolle spielt. Bewertet werden nahezu ausschließlich schriftliche Dokumente: Konzepte, Dokumentationsnachweise, Pläne. Beispiel: Eine Einrichtung, die seit Jahrzehnten eine einfühlsame und aufmerksame Kultur der Sterbebegleitung praktiziert, dies aber nicht zu Papier gebracht hat, erhält die Note "5" - die Nachbareinrichtung, die ein wohlklingendes schriftliches Konzept vorlegt, das nicht umgesetzt wird, erhält die Note "1".
In der Benotung spiegelt sich vorrangig die Vollständigkeit der schriftlichen Dokumentation, die Art und Weise der im Heim oder vom ambulanten Dienst praktizierten Beziehungsqualität spielt keine Rolle. Ein standardisiertes Notensystem kann Beziehungsqualität nicht erfassen, dazu müssten andere Verfahren der Qualitästbeurteilung verwendet werden, die insbesondere auf teilnehmender Beobachtung beruhen. Die von der Politik suggerierte "Problemlösung" schafft neue Probleme und ist nicht geignet, die "schwarzen" von den "weißen"  Schafen zu trennen, denn die Prüfmethodik verleitet dazu, sich durch gezielte Bearbeitung von schriftlichen Nachweisen Vorteile zu verschaffen, mit teilweise skurrilen Folgen: Heime, denen die bayerische Heimaufsicht wegen eklatanter (beobachteter!) Missstände mit der Schließung bedroht, erhalten bei der (auf der Papierform besierenden) MDK-Prüfung Bestnoten... "Bewertet wird das Schaulaufen" heißt es zusammenfassend in den "10 kritischen Thesen zum Notensystem" der Zertifizierungsgesellschaft Social-Cert. Auch die Fachpresse setzt sich ähnlich kritisch mit diesem Verfahren auseinander, wie der Bericht von Michael Graber-Dünow "Wir sollen Akten pflegen, nicht die Menschen" in der Zeitschrift "Sozialwirtschaft" belegt.
Noch drastischer formuliert es Bernd Meurer, Präsident des bpa (Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste, in einer Presseerklärung : "Absoluten Vorrang haben die pflegebedürftigen Menschen. Unsere Pflegekräfte sollen genau das dokumentieren, was notwendig ist für eine gute Pflege und Betreuung. Hieran zeigt sich, ob der pflegebedürftige Mensch zufrieden ist. Die jetzigen Erwartungen (...) an die lückenlose Dokumentation in der Altenpflege würde den Betrieb in jedem Krankenhaus zum Erliegen bringen“.



Gibt es Alternativen zu einem standardisierten Notensystem, die dem Ziel besser gerecht werden, dem außenstehenden Laien vor schwerwiegenden Entscheidungen Transparenz zu ermöglichen und ein Heim/einen ambulanten Dienst dazu anzuregen, seine Qualität selbstkritisch zu betrachten und kontinuierlich weiterzuentwickeln?
Die zur Zeit der Refompädagogik entstandene Waldorfschulbewegung hat das Notensystem aus ähnlichen Gründen stets abgelehnt und ersetzt durch die aufmerksame Beschreibung von  Verhaltensweisen der Schüler/innen. Das macht den Lehrern mehr Mühe, verschafft aber ein genaueres Bild und ermutigt zu weiteren Lern- und Entwicklungsschritten.
Natürlich gibt es auch für die Beurteilung komplexer Dienstleistungen (wie die Pflege und Begleitung alter und behinderter Menschen) seit Jahren wirksame und zuverlässige Beurteilungsverfahren, die keine Papiertiger erzeugen. Die Bayerische Heimaufsicht praktiziert ein solches Verfahren seit 2009 flächendeckend (Prüfleitfaden zum download) und erfolgreich. Dazu gehören auch Zertifizierungsverfahren, die auf der Basis teilnehmender Beobachtung insbesondere die gelebte Beziehungs- und Ergebnisqualität in sozialen Einrichtungen beschreiben. Mitte der 90'er Jahre wurde mit finanzieller Unterstützung des Bundesforschungsministeriums im Haus Aja Textor-Goethe ein derartiges Qualitätssicherungsverfahren entwickelt und praktiziert. Seit der Jahrtausendwende unterwerfen sich alle Abteilungen im Rahmen eines solchen Zertifizierungsverfahrens einer ausführlichen jährlichen Qualitätsprüfung durch externe Prüfer. Mehr dazu ...

Qualität im Vergleich

Frankfurter Pflegeheimvergleich
Die Frankfurter BHF-Bank-Stiftung hat im Jahr 2001 Mittel zur Verfügung gestellt, um in einem Frankfurter Modellprojekt erstmalig in Deutschland einen wissenschaftlich begleiteten Qualitätsvergleich von Pflegeheimen durchzuführen.

Zielsetzung der BHF-Bank-Stiftung war dabei insbesondere, den Heimen auf diese Weise gezielte Anregungen zur Qualitätsentwicklung zu geben. Ursprünglich sollten auch für die "Nutzer", also für künftige Bewohner bzw. Angehörige Informationen bereitgestellt werden, die die Leistungen der einzelnen Häuser transparent machen und somit bei der Auswahl eines geeigneten Heimshelfen können. Diese Absicht wurde jedoch später aufgegeben.

Die Vorgehensweise
Die Grundlagen für diesen Qualitätsvergleich wurden erarbeitet von der Fachhochschule Frankfurt (Institut für Pflegewissenschaften: Prof. Dr. Sabine Bartholomeyczik, inzwischen Universität Witten-Herdecke und Prof. Dr. Berta Schrems, inzwischen Universität Antwerpen) mit Unterstützung des "Kuratoriums Deutsche Altershilfe" (KDA) sowie Vertretern der Frankfurter Pflegeheime.

Von November 2001 bis März 2002 wurden in 26 (von insgesamt 36) Frankfurter Heimen die notwendigen Daten in folgender Form erhoben:
- Angehörigenbefragungen (Fragebögen)
- Bewohnerbefragungen (Interviews)
- Analyse der für Planung / Durchführung der Pflege verwendeten Dokumente (anonymisiert)
- Analyse des Informationsmaterials, das Interessenten / Bewerbern erhalten
- Befragung leitender Mitarbeiter (Fragebögen)
- Begehung und Bewertung der Heime durch geschulte Vertreter der Fachhochschule.


Untersuchte Leistungen und Qualitätskriterien
Untersucht wurden mit diesen Methoden die 5 Leistungsprozesse

  1. Information und Auswahl
  2. Einzug und Integration
  3. Wohnen und Alltag
  4. Pflege und Therapie
  5. Krisen und Abschied

und zwar jeweils im Hinblick auf die 4 Qualitätskriterien

a) Transparenz
b) Selbstständigkeit / Selbstbestimmung
c) Professionalität
d) Sicherheit
(außer "Information und Auswahl")


Für jedes dieser 5 mal 4 minus 1 = 19 Auswertungsfelder konnten maximal 10 Bewertungspunkte erzielt werden, faktisch gab es jedoch eine Reihe von Auswertungsfeldern, in denen selbst das jeweils beste Heim diesen theoretischen Höchstwert nicht erreichen konnte.


Die Ergebnisse
Haus Aja Textor-Goethe erzielte in 6 der 20 Auswertungsfelder Bestwerte, in weiteren 4 Feldern wurden diese nur knapp verfehlt. In der Gesamtwertung belegte das Haus Aja Textor-Goethe den ersten Platz mit 92,9 % der vergebenen Maximalpunkte.

Pflegeheimvergleich: Einzelbewertung Haus Aja Textor-Goethe

(grüne Linie: Maximalwertung - blaue Linie: Haus Aja Textor-Goethe -
rote Linie: Minimalwertung, mögliche Punktwerte: 0-10,
Erläuterung der Auswertungsfelder s.u.)









Legende
der Auswertungsfelder:



 Information & Auswahl Einzug & Integration Wohnen & Alltag Pflege & Therapie Krisen & Abschied 
Transparenz 12 16 
Selbstständigkeit/Selbstbestimmung 13 17 
Professionalität 10 14 18 
Sicherheit 11 15 19 

Hintergrundbericht: Geprüfte Leistung - Der Frankfurter Pflegeheimvergleich. Ein Werkstattbericht. Doppelpunkt 2/2003, Vincentz-Verlag/Hannover


Neues im Haus Aja Textor-Goethe
Neues im Haus Aja Textor-Goethe

* Die nächste Gelegenheit, das Haus im Rahmen einer Führung kennenzulernen: Freitag, 10. Februar um 14 Uhr, Treffpunkt im Foyer. Sonderführungen sind kurzfristig auf Anfrage möglich: 069-530 93-203

* Für unsere Betreuten Wohnungen gibt es leider lange Wartezeiten - aber in einem unserer Pflegebereiche gibt es derzeit einen freien Platz. Nähere Infos: Johannes Riesenberger Tel. 069-530 93-203

* 10. Dezember 2011: der neue Haus-Kurier erscheint - er kann gerne tel. angefordert werden unter 530 930

* 27.7.2011: Haus Aja Textor-Goethe und Aja's Gartenhaus werden nach ausführlicher Begutachtung erneut als "verbraucherfreundliches Heim" ausgezeichnet. Mehr auf www.heimverzeichnis.de

* 11. Mai 2011: "sieben auf einen Streich..." - 7 Mitarbeiter/innen des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) stehen um 8:30 Uhr vor der Tür, um die unangemeldete "Qualitätsprüfung" gem. § 113 SGB XI durchzuführen. Die Ergebnisse liegen drei Wochen später vor: Mehr...

* FAZ-Journalistin Dr. Nadja Wolf hat unsere Mitarbeiterin Ulrike Welsch einen Frühdienst lang im Pflegebereich "Betula" begleitet, um den Reformbedarf der Pflegeversicherung alltagsnah zu erfahren. Ihr Bericht erschien am 12.1.2011.

* Aja's Gartenhaus erhielt Preis der Erich und Liselotte Gradmann-Stiftung (Demenz-Support/Stuttgart) für "vorbildliche Milieugestaltung für Menschen mit Demenz". Mehr... 

* Pressebericht über den Stadtteil-Spaziergang mit historischen Anekdoten für EhrenamtlicheMehr...

* MDK-Pflegenoten - Sinn und Unsinn: Was sagen sie aus über gelebte Qualität in der Pflege? Mehr ...

* Man bekommt sehr viel Dankbarkeit zurück
Die Arbeit einer Altenpflegerin ist körperlich und seelisch anstrengend - für vier Auszubildende in der Senioren-Wohngemeinschaft Haus Aja Textor Goethe ist es dennoch ihr Traumberuf. Bericht der FAZ

* Verleihung des Altenhilfepreises der Stadt Frankfurt an das Haus Aja Textor-Goethe durch die Frankfurter Sozialdezernentin Frau Prof. Dr. Daniela Birkenfeld. Informationen auf unserer Seite "Ehrenamt"


 



Feuilleton
Feuilleton

*Hirnforschung*

In ihrem Artikel fasst Dr. Silke Kirch, Geisteswissenschaftlerin und u. a. Kunsttherapeutin, die neuesten Erkenntnisse aus der Hirnforschung zusammen. Eindrucksvoll und verständlich erläutert die Autorin, wie das Hirn sich bis ins fortgeschrittene Alter weiter entwickeln kann und wie wichtig emotionale Bindungen als Schutz vor biologischen Stressfaktoren sind.

 

*Kunsttherapie bei Demenz*

„Nicht nur Menschen mit Demenz profitieren“ von der Kunsttherapie, denn in der gemeinsamen kreativen Arbeit erfahren alle Menschen einen Zugewinn. Voraussetzung ist, dass Räume für Begegnung geschaffen werden, in denen Menschen mit und ohne Demenz zusammentreffen können. Das DRK Bremervörde hat ein solches Angebot sichergestellt. Das „Offene Atelier“ wird von Michael Ganss, u. a. Kunsttherapeut, Gerontologie und Herausgeber der Zeitschrift Demenz. DAS MAGAZIN, in einem sehr lesenswerten Artikel vorgestellt.

 

*Leben ist wie Zeichnen, nur ohne Radiergummi*

Der Professor im Fachbereich Künstlerische Therapien in Alfter, Albrecht Warning, bricht eine Lanze für einen der natürlichsten Prozesse: das Altern. Leben ist wie Zeichnen, nur ohne Radiergummi beschreibt eindrucksvoll, wie sich der Mensch im Laufe seines Lebens verändert, was das für Ärzte und Therapeuten bedeutet, wie der alternde Mensch dies wahrnimmt und zuweilen von seinen daraus resultierenden Ängsten befreit werden muss.

 

*Leben ist jetzt*

Silke Kirch lässt in einem Artikel Leben ist jetzt eine Bewohnerin des Hauses Aja Textor Goethe in Frankfurt zu Wort kommen. Die optimistische 84jährige zählt zu den jüngeren Bewohnern des Hauses, doch alt gefühlt hat sie sich noch nie. Bei gleichaltrigen Promis im Fernsehen fällt ihr nur ein: „Wie sehen die denn aus?“ Ihr Leben hat sie gelehrt, dass es nicht darum geht, vor anderen zu bestehen, sondern nur vor sich selbst. Der Artikel hat auch der Interviewerin Mut gemacht: "Alles wird sich lösen"

 

*Billigpflege - ein folgenschwerer Irrweg*

Die Legalisierung ausländischer Billigpflegekräfte ist falsch. Wir - die Alten von morgen - werden das spüren. Mehr dazu im ZEIT-Artikel von Elisabeth Niejahr: „Bereut wird später“

Die Patientenverfügung

Vertrauen auf das, was ein Leben lebenswert macht

Mit dem Gesetz zur Patientenverfügung ist eine Diskussion in Gang gekommen, die weiter darüber hinaus geht, ob bestimmte Handlungen oder der Lebensschutz für den Arzt bindend sind. Angelika Sandtmann, 48, Germanistin und Philosophin, geht als Redakteurin der Zeitschrift „Die Drei“ den Fragen „Wie wollen wir sterben“ und „Wohin führt der Schmerz“ nach.

Kritisch sieht sie in der Buchbesprechung, dass Patienten nur als Krankheitsträger betrachtet werden; die Medizin den Menschen hinter seinen Organen und Organsystemen vernachlässigt. Sie fordert eine neue Sterbekultur, das Sterben als Wesentlich-Werden zu betrachten und wirft die Frage auf, ob man lernen kann, mit Schmerz umzugehen. Den Beitrag finden Sie in der anthroposophischen Kulturzeitschrift "Die Drei" (November 2010).


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